Fliegerei am Weinberg vor 1950 - Mißbrauch des Segelflugs als Instrument der Aufrüstung

Die ersten Dokumente der Fliegerei am Weinberg liegen aus der Zeit des Nationalsozialismus vor. Nach der Machtübernahme Adolf Hitlers im Jahre 1933 wurden zahlreiche Organe gegründet, um die Aufrüstung und Ausbildung für militärische Zwecke, de facto die noch verdeckt gehaltenen Kriegsabsichten, zu gewährleisten.

Eines dieser Organe war die Hitlerjugend (HJ), welche für die paramilitärische Ausbildung der männlichen Bevölkerung zuständig war. Diese Organisation hatte mehrere Sparten, für die Luftfahrt war dies die so genannte "Flieger-HJ". Der Ausbildungsverlauf war in der Regel wie folgend gegliedert: die 10-14 jährigen Jungen wurden in Modellbau und -flug geschult, vom 16-19 Lebensjahr fanden Konstruktion und Ausbildung im Segelflug statt. Nach Erlangen der Volljährigkeit überführte man die Jugendlichen in das  Nationalsozialistische Fliegerkorps (NSFK), in welchem alle damaligen volljährigen Teilnehmer des Luftsports, Motor- und Segelflugzeugführer, Ballonfahrer, Modellbauer und Techniker, zusammengefasst werden sollten, um die Ausbildung von künftigen Kampfpiloten der Luftwaffe zu unterstützen.



Bei diesem Bild handelt es sich um das Deckblatt des ersten Flugbuchs eines Flugschülers am Bückeburger Weinberg, begonnen im Mai des Jahres 1942. Deutlich zu erkennen ist das Symbol des NSFK, eine Art Ikarusdarstellung.



Auf diesen beiden Seiten erkennt man deutlich, dass es sich beim NSFK um eine paramilitärische Organisation handelte: die Unterzeichnung des Vorwortes, sowie die Bezeichnung "Sturm" und "Gruppe" lässt deutlich auf eine an das Militär angelehnte Hierarchie schließen. Das NSFK bestand aus 17 regionalen Gruppen, wobei die Gruppe 10, zu der auch das Segelfluggelände Weinberg gehörte, "Westfalen" hieß und ihren Verwaltungssitz in Dortmund hatte.



Auch auf diesen Seiten wird deutlich, dass das NSFK eng mit dem nationalsozialistischen Regime und Militär verknüpft war. Der Stempel mit dem Reichsadler und Dienstgrad des Fluglehrers lassen eindeutig darauf schließen.



Eine fliegerärztliche Untersuchung war auch schon zu damaligen Zeiten notwendig. Besonders offensichtlich ist, dass nur ein Jahr nach Feststellung der Segelfliegertauglichkeit auch die "Wehrfliegertauglichkeit" festgestellt wurde. Die Zeitspanne zwischen der vordergründig "friedlichen" Segelflugausbildung und einem Einsatz als Kampfpilot der Luftwaffe war also äußerst kurz...




Wie man sieht, war der Schulgleiter 38 das gängige Segelflugzeug zur Ausbildung in der Flieger-HJ am Weinberg. Der Standard-Start wurde am Gummiseil durchgeführt. Aufgrund der gering erlangten Ausklinkhöhe wurde die Flugzeit in Sekunden gemessen und sogar Rutscher (R) und Sprünge (Spr) gewertet. Wie man sieht, ist die Dauer bis zum A-Flug durchaus mit der heutigen Zeit vergleichbar...



Bis zur Erlangung der Pilotenlizenz waren jedoch, wie auf dem Bild ersichtlich, deutlich weniger Flugzeit und Starts als heutzutage notwendig. Dies ist auf den Mangel an Kampfpiloten zurückzuführen, der gerade in den späteren Jahren des Krieges herrschte. Eine Herabsetzung des Mindestalters fand offensichtlich ebenfalls statt, da der Besitzer dieses Flugbuchs zum Zeitpunkt des Prüfungsflugs noch nicht volljährig war.


Berlin 1945


Das Kriegsende brachte auch die zivile Fliegerei jäh zum Erliegen. Die 2. Proklamation des Alliierten Kontrollrates vom 29. Oktober 1945 untersagte Produktion und Betrieb von Flugzeugen jeder Art, um ein Wiedererstarken Deutschlands zu unterbinden. Das betraf ebenfalls den Segelflug, denn somit sollte verdeckte paramilitärische Flugausbildung unmöglich gemacht werden. Zahllose Segelflugzeuge wurden im Zuge der 2. Proklamation zerstört, einige wenige in Kellern und Scheunen verborgen. Die Verbote gingen in manchen Regionen sogar so weit, dass bloße Planstudien und auch Modellbau unter Strafe gestellt wurden...

 

Nichts desto trotz trafen sich bereits ab August 1945 wieder Flugbegeisterte aus ganz Deutschland an der Wasserkuppe. Auf Grundlage dieser informellen Treffen schufen sie 1947 den "Ring der weißen Möwen".

Wesentliche Veränderungen für die Segelflieger sollten jedoch erst 1950 eintreten...



Das Fliegerdenkmal auf der Wasserkuppe


Die Möwen als Symbol des Segelflugs

Schaumburger Zeitung/ Landeszeitung vom 17.08.2017

18.08.17
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